Kolumnisten spüren den Grenzen nach

Sechs bekannte Kolumnisten und drei Slammer trafen sich zur ersten «Kolumination» auf dem Säntis und brachten ihre Gedanken zum Thema «Grenzen» zu Papier. Für sein jahrelanges, erfolgreiches «kolumnistisches» Schaffen geehrt wurde Beat Kappeler.

«Demokratie braucht Diskussion, den belebenden Disput» – so eröffnete Hans Höhener, Präsident des Verein Kolumination, die erste Kolumination auf dem Säntis, dem «schönsten, vielleicht sogar das schönste Gebirgsstück der Erde,» wie ein Geologe gemäss Höhener vor 100 Jahren schrieb. Höhener, charmant und gewieft, erklärte den aus dem Ausland angereisten Teilnehmenden während den zwei Tagen auch viele Eigentümlichkeiten und Eigenheiten des Appenzellerlandes und des Säntis. Hanspeter Trütsch, der Tages-Moderator, durfte anschliessend sechs bestens bekannte und erfahrene Kolumnisten zur ersten «Kolumination» auf dem Gipfel des Säntis begrüssen und interviewen. Auch sie seien Gipfelstürmer, Meister jenes meinungsbildenden Kleinods namens Kolumne, die jeder Zeitung, jeder Zeitschrift Gesicht und Würze geben.

«Seifenblasen» und Schreck-Mümpfeli
Matthias Flückiger führte witzig in die historische Kolumne ein und las Kraus, Tucholski, Alfred Polgar, Altenburg, Anton Kuh, Joseph Roth und Kolumnen von anderen, längst verstorbenen Kolumnisten, deren Texte aber noch lebendig und immer noch nachhallen. Eine davon handelte von «Seifenblasen» und wurde von Joseph Roth verfasst. Darin vergleicht Roth die schönen, farbigen «Seifenblasen» der Kinder mit den Seifenblasen der Politiker – wie die «Seifenblase» von Brest-Litowsk oder Woodrow Wilsons Rede in Versailles nach dem Ende des ersten Weltkrieges. Nachts um halb zehn, auf der Rückfahrt zur Talstation las Matthias Flückiger dann noch ein «Schreck-Mümpfeli» - eine schauerlich, mulmig schöne Gute-Nacht-Geschichte in der dunklen Schwebebahn-Kabine, die sogar angehalten wurde.

Aufforderung zum Nachdenken
Ob «Urnen-Tourismus in die Schweiz» und «Feuerzeuge im Handgepäck» (Harald Martenstein), der Unterschied zwischen «Laufen und Laufen» in Vorarlberg und Wien (Doris Knecht), die Scham der Schweizer beim Hochdeutsch-Sprechen unter Deutschen (Doris Althaus), Grenzen zwischen politischen Ansichten und der Tank-Tourismus (Rainer Erlinger), wie ein Dorf in Transsilvanien näher liege als der Block um die Ecke (Doris List) oder über die Erziehung von Enkeln (Katja Früh) – sämtliche Meinungsbeiträge überzeugten, erregten die Lachmuskeln oder forderten zum Nachdenken auf. Der Start der ersten «Kolumination», so waren sich die über siebzig Teilnehmenden überzeugt, war schon nach dem ersten Tag gelungen.

Slammer ohne Nachtruhe
Den Samstagmorgen bestritten die drei Slammer Stefan Abermann (A), Christian Kreis (D) und Etrit Hasler (CH), die von Wolfgang Heyer humorvoll, professionell und Slam-mässig vorgestellt und anmoderiert wurden. Die Slammer hatten die Aufgabe, neben einem eigenen Text, aus zwei – zum Teil heiklen - Themen, die ihnen die Teilnehmenden am Vorabend gestellt hatten, eines auszuwählen und über Nacht einen Slam zu schreiben. Alle drei wirkten zwar übermüdet – aber nicht bei ihrem Vortrag: sie erfüllten die schwierige Aufgabe mit Herzblut, Engagement und Bravour und unter tosendem Applaus der begeisterten Zuhörer. Ebensolchen Applaus erhielt das Trio «Anderscht», das Welt- und Appenzellerklänge einmal anders, eben «anderscht», vortrugen.

Beat Kappeler erster Preisträger der «Kolumination»
Diese neue Veranstaltung vergab auch erstmals den «Preis der Kolumination» an Beat Kappeler, dessen Lebensleistung, so Laudator Gerhard Schwarz, «Anerkennung weit über die Grenzen der kleinen Schweiz hinaus» verdiene. Seine Kolumnen, so Schwarz weiter, zeige sich nicht in deftigen Worten, sondern mehr «in der Unverblümtheit, Direktheit, ja Schonungslosigkeit des durchaus sachlichen Urteils.» Seine Leidenschaft für Kolumnen zeige sich auch in der Menge seiner Meinungsbeiträge: allein in der NZZ am Sonntag (NZZaS) hat Kappeler 860 Kolumnen in sechzehn Jahren geschrieben. Schwarz übergab Beat Kappeler unter dem grossen Beifall des Publikums die von Herbert Meusburger, Bregenzerwald, geschaffene Skulptur «Knoten». Seine Dankes-Kolumne, erschienen in der NZZaS im vergangenen Jahr, befasste sich mit dem Thema «Rasse», einer Grenze, die nie überschritten werden dürfe. Die Behörden der Vereinigten Staaten, so Kappeler nach seinen Recherchen, würden die Einwohner, die Bürger ganz offiziell in „race“ und „ethnicity“ einteilen. «Was vielleicht nach der Sklavenbefreiung noch ermuntern sollte, doch weiterhin ein bisschen zu diskriminieren, ist unterdessen zur Handhabe der vielen Förderungs- und Gleichstellungsprogramme geworden».

Gelungene Premiere – nachzulesen im Orte-Verlag
Alle die dabei waren, waren sich einig – das Format der «Kolumination» ist gelungen und hat Zukunft, eine Zukunft, die bereits nächstes Jahr wieder im Oktober (wieder auf dem Säntis?) Gegenwart werden wird. Ermöglicht wurde diese Veranstaltung dank vielen Appenzeller Stiftungen, der IBK/Interreg und weiteren Sponsoren sowie den Verlagen von NZZ, Tagblatt, Schwäbische Zeitung und Vorarlberger Nachrichten. Sämtliche Kolumnen wird der Orte-Verlag in einem kleinen Büchlein Ende November herausgeben.